Die neue Heimat – die Deutschen entdecken ihre eigene Herkunft
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Naturpark Schönbuch
(© picture-alliance/ dpa)
Was ist „Heimat“? Und warum ist sie plötzlich so beliebt? Heimat bedeutet Herkunft und Zugehörigkeit. Nichts, wofür man sich schämen muss. In Deutschland ist Heimat neuerdings aber auch cool, modern und normal. Und das ist das Besondere.
In München steht ein Hofbräuhaus. Nur: Im Hofbräuhaus sitzen kaum echte Bayern. Drinnen sitzen, trinken und lachen Touristen aus aller Welt, die meinen, einen echten Blick auf die Bayern zu werfen. Zwei Straßen weiter gibt es zwei Souvenir-Läden: einen traditionellen und einen modernen. Beide bieten Andenken an. In dem einen kaufen Japaner, Amerikaner, Russen, Inder und Chinesen, um ein „echt bayerisches“ Mitbringsel mit in ihre Heimat zu bringen.Hip statt kitschig
In dem anderen kaufen vor allem Münchner oder ehemalige Münchner, die nun in fernen Ländern leben, weit weg von ihrer Heimat, dem Ort ihrer Herkunft. „Meine Kunden wollen vor allem ein Stück moderne Heimat mit in die Fremde nehmen“, erklärt Inhaberin Marion Marr. Sie haben Sehnsucht nach Brezen, Weißwürsten und Hirsch-Silhouetten. Auf Brot-Brettchen, Tassen, T-Shirts. Modern und hip statt rustikal und kitschig. Gleich drei solcher Heimat-Läden gibt es inzwischen in der bayerischen Landeshauptstadt. Einer heißt Obacht, einer Servus Heimat.
Im Berliner In-Viertel Prenzlauer Berg steht Heimat für Hüte. Heimat Berlin heißt der Laden von Sebastian Mücke (41) und Stefan Lochner (40). „Berlin war bis in die 1930er-Jahre multikulturelle Metropole und Hauptstadt der Mode“, erklärt Markus Lang, Geschäftsführer des Ladens. Der gebürtige Allgäuer Stefan Lochner wählte deshalb den Namen Heimat Berlin, weil er Berlin als seine neue Heimat betrachtet. „Heimat ist das Gefühl, wohin zu gehören“, erklärt Partner Mücke. Auch Dirndl und Lederhosen hängen auf der Stange. So holt er sich auch ein Stück seiner alten Heimat in die neue Hauptstadt – und das kommt gut an.Schick und beliebt: Heimat als Name
Die kleine Künstlerkolonie in der Wiede-Fabrik am Rande Münchens diskutierte im Januar 2008 über das Leitmotiv für ihre alljährliche Kunstausstellung. „Eigentlich redeten wir nicht über die Themenvorschläge sondern über das Thema: Heimat“, erinnert sich Maler Carl Heinz Draxl. Und zwar kontrovers. Ob es denn nicht ein verstaubter Begriff sei, ein reaktionärer. Ob er künstlerisch zu etwas tauge. Heraus kam im Oktober 2008 eine viel beachtete Ausstellung mit abwechslungsreichen Werken. Draxl zum Beispiel malte auf sehr liebevoll-ironische Weise Szenen aus seiner bayerischen Heimat und ihre Klischees in Anlehnung an Comicstrips auf grobes Biertisch-Holz und ungehobelte Bautafeln.
Heimat ist in Deutschland neuerdings überall. Werbeagenturen und Filme nennen sich so, Designer schneidern daraus ihren Namen; Musik, sogar Heimatabende für jungen Menschen gibt es. Neue Zeitschriften und Internet-Magazine betiteln sich mit Daheim. Was noch vor einigen Jahren unmöglich war, ist heute selbstverständlich: ein entspannter, humorvoller Umgang mit der eigenen Identität.
Sehr wohl fühlten sie sich immer, die Kunden und Freunde im Friseursalon von Luciana Monopoli (36). So wohl, dass die Frankfurterin sogar den Namen änderte in Deine Heimat Kollektiv. Mit Cafébar und Kuchen bietet sie auch mehr als Waschen, Schneiden, Föhnen. „Für meine Kunden ist es wie eine Heimat“, erklärt Monopoli. Zusätzlich gibt sie aber noch Jungdesignern wie dem Modelabel Affentor eine kleine Heimat. In ihren Räumen können sie ihre Kollektion ausstellen und verkaufen.Die Wiederentdeckung der Provinz
Die über die bayerischen Landesgrenzen hinaus bekannteste Hommage an die Heimat ist der Kinofilm von 2006 Wer früher stirbt, ist länger tot. Fast 2 Millionen Zuschauer haben in ganz Deutschland den Film von Markus H. Rosenmüller (38) gesehen. Die Flut neuer Heimatfilme demonstriert vielleicht am eindrücklichsten, wie stark das wieder entdeckte, unverkrampfte Heimatgefühl ist: Winterreise, Räuber Kneißl und Das große Hobeditzn heißen die bekanntesten. Es gibt Heimat-Filmtage und TV-Heimat-Krimis. Die Protagonisten leben in der Provinz, sie sprechen Dialekt und fühlen sich in ihrer Umgebung wohl. Nicht mehr dümmlich oder konservativ wirkt deren Sprache, sondern authentisch und lebensnah.
Provinz ist, so schreibt Matthias Hohnecker in der Stuttgarter Zeitung, wo Zusammenhänge überschaubar sind. Es ist der Raum der übersichtlichen Lebenseinheiten, der Raum, in dem die Menschen sich kennen. Gerade in einer immer komplizierter werdenden Welt suchen die Menschen offenbar wieder nach Identität, nach Geborgenheit. Nach einem überschaubare Platz, wo sie zurecht kommen, weil er auch die Erinnerung an Kindheit und Unbeschwertheit ausstrahlt. Die eigene Heimat eben.
Das deutsche Wort „Heimat“ ist fast einzigartig, so wie „Kindergarten“ oder „Kitsch“. Andere Nationen haben für dieses Gefühl oftmals nur den Begriff Vaterland oder Mutterland. Heimat steht in der deutschen Sprache für Herkunft. Es ist die Umwelt, die Landschaft, in der man geboren wurde und die Verbundenheit, die man mit ihr empfindet. Es ist der Ausdruck für den Ort der Wurzeln, der Ort der Familie und Kindheit. Oder der Ort, an dem man sein Leben eingerichtet hat und sich wohl fühlt. Das Verstaubte, Rückwärtsgewandte hat Heimat längst abgelegt und steht stattdessen für ein entspanntes, heiteres Selbstbewusstsein. Vorbei sind die Zeiten, in denen der Begriff im Dritten Reich während der Diktatur der Nationalsozialisten politisch missbraucht wurde.
Birgitt Hölzel
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Februar 2009
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Burhave, Deutschland. Verwaiste Strandkoerbe im Abendlicht.
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